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1810-1882: Der Lehrstuhl für Kameral- und Staatswissenschaften

Historische Entwicklungen

Die schwache Position der Kameralwissenschaften an der Friedrich-Wilhelm-Universität (in welche die Berliner Universität 1828 umbenannt wurde) erklärt den geringen Einfluss der historischen Ereignisse auf die Staatswissenschaften, die sich eher in den führenden Diskursen wie der Rechts- und Staatsphilosophie äußerten. Dennoch lassen sich einige Auswirkungen der Ereignisse des 19. Jahrhunderts ausmachen.

Mit Kriegsende und dem Wiener Kongress 1814 erhielt Preußen einen Großteil seines verlorenen Staatsgebiets zurück und bekam zusätzliche Landesteile im Westen. Durch diese Aufteilung bestand ein besonderes Interesse an der wirtschaftlichen Einigung der deutschen Staaten und dem Abbau von innerdeutschen Zöllen. Der aufkommende Liberalismus fand auch an den Staatswissenschaften Eingang unter anderem mit der Thematik des Zunftzwangs und der Gewerbefreiheit, des nationalen Marktes und des Zollvereins. Karl Friedrich Wilhelm Dieterici vertrat neben dem Physiokraten Theodor Schmalz den liberalen Geist der Aufklärung an der Universität:

„Alle persönliche Unterthänigkeit, Abhängigkeit, Beschränkung ist gegen die Rechte des Menschen. Die angeborene Würde des Menschen ist in allen Gesetzen zu ehren und zu wahren. Es muss alles hinweggeräumt werden, was den Einzelnen hindert oder erschwert, Eigenthum durch eigene Kraftanstrengung zu erwerben. Der Werth der Arbeit darf in keiner Weise verringert werden; im Besitz und Genuss des Eigenthums besteht der höchste Reiz zur Thätigkeit.“ (Dieterici 1848:17)

Genauso wie Dieterici setzte sich seine rechte Hand, Heinrich Helwing, für den Freihandel ein (Zboralski: 1986: 21). Friedrich von Raumer war ebenfalls als liberaler Historiker und Staatswissenschaftler bekannt. Raumer gehörte der Frankfurter Nationalversammlung an und bot als Mitglied der Kaiserdeputation Friedrich Wilhelm IV. 1849 die Kaiserkrone an. Jedoch waren auch hier die süddeutschen Professoren der Staatswissenschaften vor allem aus Tübingen politisch relevanterer Akteure als die Berliner (Hagemann und Rösch 2005).

Dennoch hielten sich die Staatswissenschaftler in den Revolutionsjahren im Vergleich zu der Studierendenschaft eher konservativ bedeckt und ergriffen nicht offen Partei. In Abgrenzung zu den genannten Dozenten lassen sich der Rechtshegelianer Leopold von Henning (von 1826 bis 1867 an der Universität tätig) und Wilhelm von Dönniges nennen, die man als konservativ bis reaktionär einschätzen kann. Da diese bei anderen Themen wie dem Freihandel aber durchaus zu Kompromissen mit liberalen eingestellten Kollegen waren, lässt sich die Professorenschaft nicht scharf nach politökonomischen Lagern abgrenzen – haben wirtschaftliche Themen doch noch nicht das politische Feld definiert.

Nach dem Erstarken der Arbeiterbewegung (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein 1863 und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei SDAP), wurden auch erstmals Vorlesungen unter dem Titel „Sociale Fragen“ zum Beispiel von Victor Aimé Huber gehalten. Seine Berufung erfolgte allerdings hauptsächlich aus dem Wunsch, dass er in Berlin eine konservative Zeitschrift mitbegründen würde. Erst in den 70er Jahren kam es verstärkt zu Veranstaltungen zum Sozialismus und der Arbeiterfrage. So hielt der stark polarisierende Eugen Dühring Vorlesungen mit dem Titel „Geschichte und Gegenwart des Sozialismus“ und „Sozialismus und Materialismus“.

Dieterici wurde 1860 wiederum von einem namhaften Agrarhistoriker Georg Hanssen ersetzt, der gemäß den Vorstellungen seines Lehrers Heinrich Raus, einem der wichtigsten Vertreter der älteren historischen Schule, unterrichtete. Hannsen teilte die Staatswissenschaft in theoretische Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik, Finanzwissenschaft, und Statistik ein. Die theoretische Volkswirtschaftslehre definierte dieser auf eine Weise, die auch noch heute gültig wäre:

„Die Arbeitsteilung und der Verkehr verbinden die einzelnen Privatwirtschaften zur Volkswirtschaft, welche über die Grenzen des einzelnen Landes hinaus ihre Fäden fortspinnt. Die natürlichen Gesetze, denen das volkswirtschaftliche Getriebe unterworfen ist, zu erforschen und systematisch zu entwickeln, ist die Aufgabe der Nationalökonomie oder Volkswirtschaftslehre“ (in Waszek 1988: 289-90).

Mit der Staatsgründung änderten sich auch die Umstände, unter denen die Staatswissenschaften ausgeübt wurden. Wenn diese auch keinen direkten Einfluss auf die Staatswissenschaften hatte, so kann man doch die Gründung des Vereines für Socialpolitick unter anderen durch Gustav Schmoller, Adolph Wagner, und Ernst Engel 1872 als den Beginn einer neuen Ära bezeichnen. Dieser leitete nicht nur eine Stärkung der Volkswirtschaftslehre als Disziplin ein, sondern auch eine sozialreformerische Lehre und die historische Methode. Die Sozialpolitik war eine der Kernforderungen des Vereins, wenn er sich auch deutlich von revolutionären Bewegungen abgrenzte. Nie wurde ein Vertreter der Bewegung oder der sozialdemokratischen Partei eingeladen, wenn auch Ziele beider Gruppen identisch sind und beide den Manchesterkapitalismus ablehnten. Diese sozialreformerische Linie des Vereins entgegen des vorherrschenden Freihandelskonsensus der Jahrzehnte zuvor setzte sich nach den Auseinandersetzungen von 1879 bezüglich der Schutzzollgesetze Bismarcks durch. Die Mehrheit des Vereins stimmte diesen Gesetzen auf Empfehlung Schmollers und entgegen der Meinung des Vorsitzenden Nasse zu (Boese 1939: 32 ff.) 1881 beschloss der Ausschuss daraufhin, keine Abstimmungen mehr über einzelne Thesen durchzuführen, sondern sich „ausschließlich die Aufgabe einer vielseitigen und gründlichen Erörterung jener Gegenstände stellen.“ (Boese 1939: 44).

Die Gründung des Vereins ist für die Berliner Ökonomie deshalb relevant, da viele ihrer Gründungsmitglieder zu einer neuen Generation Berliner Staatswissenschaften gehören sollten: Gustav Schmoller, Adolph Wagner , Ernst Engel und Lujo Brentano , sowie der Sekretär des Vereins, Adolf Held . In den 1870er Jahren findet an der Friedrich-Wilhelms-Universität ein regelrechter Kaderwechsel statt. Adolph Wagner wurde 1870 von der Universität Freiburg für die Staatswissenschaften geworben, 1875 folgte August Meitzen für die Statistik, und im Jahre 1882 Gustav Schmoller aus Straßburg. Richard Böckh wurde 1881 als Direktor des statistischen Bureaus an die Universität berufen. Mit diesen Berufungen wanderte das Zentrum der neuen Volkswirtschaftslehre, wie sie bald genannt werden sollte, von Süddeutschland nach Berlin. Die jüngere historische Schule verwirklichte jetzt ihre methodischen Ziele an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Die Gründung eines eigenen „Seminars“ bedeutete hierbei die erste wirkliche Institutionalisierung der Wirtschaftswissenschaften an der Berliner Universität.

Karl Friedrich Wilhelm Dieterici
Quelle: Universitätsbibliothek der
Humboldt-Universität zu Berlin
Georg Hanssen
Quelle: Universitätsbibliothek der
Humboldt-Universität zu Berlin